IT-Rechtsexperte Árpád Geréd im Interview

von Elisabeth Gogg | Oct 25, 2019

 

Árpád Geréd, ist Rechtsanwalt und hat seinen Schwerpunkt in der Betreuung von IT- und Technologie-Unternehmen. Zu seinem besonderen Fachwissen gehören die Themen Arbeitsrecht in Verbindung mit Cyber-Sicherheits-Recht, Datenschutzrecht oder auch E-Commerce-Recht. Darüber hinaus ist Árpád Geréd in verschiedenen IT- und Technologie-Vereinigungen aktiv, unter anderem als Präsident der Kommission für Gewerblichen Rechtsschutz, Technologie, Medien und Telekommunikation (IP/TMT) der International Association of Young Lawyers (AIJA).

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Herr Geréd, wie sind Sie eigentlich zu Ihrer Spezialisierung auf IT-Recht-Themen gekommen?

Ich hatte damals die Auswahl zwischen Informatik und Recht, habe auch beides angefangen. Fertig studiert habe ich dann allerdings nur eines, nämlich Recht. Mein Interesse an Technologie und IT ist aber geblieben. Vor vielen Jahren erreichte mich eine Anfrage nach einer Mitarbeiterüberwachung in einem Unternehmen. Ein sehr spannendes und durchaus kontroverses Thema. Ab diesem Zeitpunkt, habe ich mein Wissen rund um Arbeitsrecht und IT miteinander verknüpft. Diese Kombination findet gerade jetzt auch in den Gesprächen rund um New Work besondere Anwendung.

Sie sprechen es schon an, New Work. An was denken Sie dabei als Erstes?
„Graubereich“. Nämlich im Bezug auf Arbeitnehmerschutz und Technologie. Man hat zwar rechtliche Regeln, die durchaus auch detailliert sind, aber in vielen Fällen gar nicht so richtig auf die neue Art des Arbeitens zugeschnitten sind. Dann gibt es Betriebsvereinbarungen, die die Ausnahme von der Regel beschreiben sollen. Doch diese Ausnahmen werden schnell zum Alltag, weil sie viel praktikabler sind. Hier als Unternehmen rechtlich korrekte und gleichzeitig praktikable Rahmenbedingungen zu schaffen, ist manchmal gar nicht so einfach. Aber es wird laufend besser und man merkt auch, dass das Verständnis für Arbeitsrecht und Technologie zunimmt und dementsprechend auch die Gesetzeslage verbessert wird. Im Sinne der Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber.


Glauben Sie, dass große Organisationen mit mehreren Managementebenen es mit der Veränderung vielleicht schwerer haben?
Definitiv. Es müssen in großen Unternehmen ja auch viel mehr Menschen überzeugt werden, am selben Strang zu ziehen und die neue Art des Arbeitens zumindest willkommen zu heißen. Bei einer hohen Anzahl an unterschiedlich arbeitenden Abteilungen hört man dann schnell „… aber so arbeiten wir nicht. Das funktioniert vielleicht in einer anderen Abteilung.“ Das hat oftmals seine Berechtigung und man muss ehrlicherweise sagen, dass in großen Organisationen auch die Umstellungen große Auswirkungen haben. Diese Meinungen und die Skepsis die mitschwingt muss dann wieder einfangen werden. Da ist es oftmals besser, inkrementelle Maßnahmen zu setzen und somit Schritt für Schritt das Unternehmen auf andere Beine zu stellen.

Sind IT-Tools aus Ihrer Sicht der Treiber für New Work?
Da gibt es, denke ich, ein Missverständnis bei Unternehmen: New Work bedeutet eben nicht New Tools. Verantwortliche sind es gewohnt IT-Umstellungen zu machen, die letztendlich Werkzeuge bereitstellen, aber das Arbeitsumfeld nicht mitbedenken. Das kann nicht der Treiber für neue Arbeitsweisen sein, da Themen wie das eigene Mindset und auch die Büro-Umgebung damit auf der Strecke bleiben. Das ist im Übrigen auch kein Generationenthema, sondern es betrifft alle gleichermaßen. Nur gehen die einen vielleicht damit besser um, als die anderen.

Wenn man sich Start Ups ansieht, dann arbeiten dort ja auch nicht nur ausschließlich ganz junge Menschen, in hippen Büros die den ganzen Tag Tischfußball spielen und in der Nacht programmieren. Sie tun sich unter Umständen leichter mit der Nutzung von IT-Tools, aber das macht sicherlich nicht ihren Anspruch an die Arbeit aus. Es ist vielmehr das Gesamtpaket an Arbeitsbedingungen, dass sie anzieht. Aus meiner Sicht ist das der Hebel für Unternehmen, um qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen – egal, in welchem Alter.


Womit tun sich Unternehmen bei veränderten Arbeitsweisen besonders schwer?

Aus meiner Sicht ist es für Unternehmen schwierig, das richtige Maß an Transparenz zu finden. Also Informationen in einem Umfang zu liefern, der alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufklärt, aber nicht einschüchtert oder gar überfordert. In „Corporate“-Strukturen bleibt die Kommunikation aber oft nur an der Oberfläche, mit einer fertigen und lapidar mitgeteilten Entscheidung. Das ist so zufriedenstellend, wie es klingt -  nämlich gar nicht. 

Ein Beispiel ist Automation – sobald Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter etwas von Robotern, KI, Bots oder Automatisierung hören, vermuten viele einen Terminator, der durch die Türe kommt und ihnen die Jobs wegnimmt. Da wäre ein besserer erster Schritt eine Art Demo, wo in einer eingeschränkten Umgebung aufgezeigt wird, dass mit der Automation den Anwenderinnen und Anwendern nur ein paar To Do’s abgenommen werden. Es ist spannenderweise immer noch selten, dass es Testgruppen gibt, die Neues ausprobieren können um dann Feedback zu geben und zu berichten. Aber genau so erreicht man von innen heraus auch Veränderung, weil die Menschen dann das Gefühl haben, an etwas mitzuwirken und nicht einer Entscheidung von oben folgen zu müssen. Letzteres stößt auf wenig Akzeptanz.

Unumstritten gibt es ja auch Chancen, wenn man modern arbeitet – welche sind das aus Ihrer Sicht?
Da sehe ich an erster Stelle die Loyalität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Menschen die sich wohl fühlen in ihrer Umgebung, bleiben auch eher. Es muss auch nicht jedes Unternehmen alles an Modernität bieten was es derzeit gibt, da das zu einigen gar nicht passen würde und sich auch nicht realisieren lässt. Aber sich den Wünschen und Trends zu nähern, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer der Zukunft sich wünschen, das ist eine strategische Aufgabe jeder Organisation. Mit einer neuen Denkweise zieht man das Publikum an, welches ähnliche Werte und Arbeitswelten teilt. Und dann gehen die Leute auch nicht, nur weil ein anderes Unternehmen mit ein bisschen mehr Gehalt winkt. Da geht es viel um das Zugehörigkeitsgefühl und die Frage „Repräsentiert das Unternehmen auch mich als Person?“. Das war in der Vergangenheit eher umgekehrt.


Besteht in Österreich rechtlicher Handlungsbedarf bezugnehmend auf New Work?

Im Sinne der steigenden Flexibilität und dem Wunsch nach mehr Freiheit seitens der Arbeitnehmer, aber auch Arbeitgeber, sehe ich das nicht als den größten Hemmschuh, auch wenn rechtlich noch Luft nach oben ist. Ich denke, dass es derzeit bereits genügend rechtliche Rahmenbedingungen gibt,  die modernes Arbeiten ermöglichen,  Die Nutzung dieses Rahmens liegt aber bei der Organisation selber.

Da sollten sich die Verantwortlichen bei Maßnahmen im Vorhinein schon überlegen, wie man New Work strukturell und im rechtlichen Rahmen einbinden kann. Ich kann an dieser Stelle verraten, dass die rechtliche Seite in einem Großteil der Fälle keine Bremse ist, auch wenn das manchmal als Grund vorgeschoben wird.


Wenn wir in die Zukunft blicken, welche Trends erkennen Sie?
Einer der größten Trends ist, dass Unternehmen wieder attraktiv und sexy für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden wollen und auch müssen. Da hatte man lange den Luxus, dass Gehalt und Status gereicht haben, um neue Menschen anzuziehen. Das hat sich geändert und das wird in Zukunft auch nicht anders sein. Der Mensch rückt wieder in den Mittelpunkt und der braucht mehr als einen Obstkorb am Empfang. Er braucht eine persönliche Entwicklungsperspektive, denn das wird auch der Grund sein, wieso eine Kollegin oder ein Kollege nicht beim kleinsten Sturm das Unternehmensschiff verlässt. Da sind wir in Österreich auf einem guten Weg, den Bedürfnissen nachzukommen und Möglichkeiten zu schaffen.

Attraktoren sind hier Selbstbestimmung, Lob, Anerkennung, nicht nur ein Rädchen in einem Getriebe zu sein, Flexibilität innerhalb der eigenen Arbeitsweise – das sind Faktoren, wie man gute Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer halten kann.

 

Árpád Geréd ist Netzwerkpartner der ACP X-tech und berät Unternehmen bei der Umsetzung rechtlicher Aspekte.

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Inhalt: Elisabeth Gogg

Elisabeth Gogg ist Senior Beraterin für New Work Design bei ACP X-tech, dem Kompetenzzentrum für den Digitalen Arbeitsplatz bei der Plattform ACP. Gemeinsam mit Ihrem Team unterstützt sie Kundinnen und Kunden bei der Gestaltung von Arbeitsprozessen, um Arbeiten zu vereinfachen. Ihr Fokus liegt auf modernem digitalen Arbeiten und dem erfolgreichen Einsatz von User Journey, Service Blueprint und Prozess Design. Sie blickt auf langjährige Erfahrungen im Consulting mit Change Management, Trainings, Design Thinking, Innovations- und Usability Management in den Branchen Energie, Verpackung, Pharmazie, Telekommunikation und Banken zurück.